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„Darf ich euch mal was fragen?“ Ich saß mit einem Bekannten und einem Gin Tonic morgens um drei vor einem Lokal am Hans-Albers-Platz, als das Mädchen von der anderen Seite der Bierbankgarnitur uns ansprach. „Was macht ihr beruflich? Und wolltet ihr das immer schon machen?“ Sie war jung, geschätzte 20 oder 21. Und wurde von den Zweifeln befallen, die einen manchmal nachts in dem Moment, wenn man auf der Grenze zwischen angeschickert und betrunken balanciert, hinterrücks aus dem Gleichgewicht bringen. Ob sie sich richtig entschieden hatte mit dem Jurastudium, das sie nächste Woche beginnen würde. In ihrer Stimme schwang die Angst mit, für immer in diesem Beruf gefangen zu sein, selbst wenn er ihr nicht gefallen sollte. Erstickt zu werden von einer Entscheidung, die sie in einem Alter treffen musste, in dem sie doch eigentlich noch gar nichts von der Welt und von ihren eigenen Vorlieben und Talenten wusste.
Die unterschwellige Frage war: Tue ich das Richtige?
Das Richtige.

Wir streben so sehr danach, aber so, wie die meisten Menschen es sehen, so, wie es uns beigebracht wird, ist das Richtige ein unerreichbares Ideal. Wie Perfektion. Eine Unumstößlichkeit, die sich niemals ändern wird.

***

Ich habe den richtigen Studiengang gewählt.

BWL. Denn damals dachte ich, ich würde mal ganz groß im Finanzbereich rauskommen. Bis ich feststellte, dass Finanzen mir so gar nicht liegen.


Ich habe den richtigen Beruf gewählt.

Als Kundenberaterin in der Werbung.

Als Mitarbeiterin im Marketing eines Verlags.

Als Redakteurin für Taschenbücher.

Als Übersetzerin.

Als Coach.

Es war immer der Richtige.

Jeweils zu seiner Zeit.

***

„Woher soll ich denn wissen, ob er der Richtige ist?“, fragte meine Freundin auf unserem Spaziergang. Sie hatte den Mann getroffen, der alles war, was sie sich je erträumt hatte. Und wurde nun von den Zweifeln befallen, die einen manchmal in den Momenten, wenn man auf der Grenze zwischen zufriedenem Single und verliebtem Teil eines Paares balanciert, hinterrücks aus dem Gleichgewicht bringen. In ihrer Stimme schwang die Angst mit, für immer in dieser Beziehung gefangen zu sein, selbst wenn sie vielleicht zu langweilig würde oder die Verliebtheit sich nicht in Liebe verwandelte. Erstickt zu werden von einer Entscheidung, die von Herz und Gehirn gemeinsam getroffen wurde, bevor man die andere Person und sich mit ihr zusammen überhaupt kennengelernt hatte.
Die unterschwellige Frage war: Ist er der Richtige?

Wir wachsen mit der Geschichte auf, dass es den Einen für uns gibt. Den, mit dem unser Leben komplett wird. Mit dem wir bis zum letzten Atemzug zusammen sein werden – mit Höhen und Tiefen, aber im Mittel doch schlussendlich oberhalb der Nulllinie. Und wenn es nicht klappt, wenn er nicht der Richtige ist, sind wir gescheitert.

***

Ich habe den Richtigen gefunden.

Damals, mit 17.

Mit 19, mit 21.

Das letzte Mal mit 25.

Es war zu jedem Zeitpunkt immer der Richtige.

***

Selbst jetzt nach der Trennung ist mein Mann der Richtige – für den Platz, den er in meinem Leben einnimmt. Als Freund, als Cheerleader, als Mensch, der mich so gut kennt wie kein anderer.

Und eines Tages wird ein anderer kommen, der der Richtige ist.

Für eine Nacht oder den Rest eines Lebens.

Denn ob jemand der Richtige ist – der Job, der Mann – ist nicht mit Blick auf die Zukunft zu bestimmen. Sondern nur im Zusammenhang mit dem Jetzt. Und da ist er immer der Richtige, denn sonst wäre er nicht da. In diesem Moment. In deinem Leben.

Also ergreif die Gelegenheit. Im Beruf. In der Liebe. Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Dass es nicht funktioniert? Nein. Dass du es nicht probiert hast. Dass dir die achtzehn Jahre mit deinem Mann entgehen, in denen ihr euch so liebt, wie du nie einen anderen geliebt hast. Dass du das halbe Jahr in der grauenhaften Firma verpasst, nach dem du weißt, was du im Leben nie wieder tun willst. Dass du nicht herausgefunden hast, ob Selbstständigkeit nicht doch deine Stärken hervorbringt oder die Sicherheit einer Festanstellung so viel befreiender ist, als es ein Vormittag in Yogahosen mit dem Laptop auf der Couch jemals sein kann.

Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass es nur für diesen einen Moment der Richtige war.

Der Job. Der Mann. Aber danach wartet schon der nächste Moment.
Und mit ihm der nächste Richtige.
Job. Mann.

 

Erschienen als Gastbeitrag auf: http://fielfalt.de/ist-er-der-richtige/