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Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich bin ja immer sehr schnell dabei, die Schuld für alles Mögliche bei mir zu suchen.

Onlinestatus meiner Paketverfolgung. „Ihre Sendung konnte heute nicht zugestellt werden.“
Meine Gedanken: „Aber ich war doch extra den ganzen Tag zu Hause. Hab ich die Klingel überhört? Oder funktioniert sie wieder nicht? Ich habe aber überhaupt keinen DHL-Wagen gesehen. Normalerweise schlagen die Hunde doch auch sofort an, wenn jemand an der Pforte steht …“

Die Sache mit einem Freund, den ich am Start seines vierzehntägigen Rallyeabenteuers verabschieden wollte. Gemäß seiner Startnummer sollte er gegen 13.30 Uhr dran sein. Als ich um Viertel vor eins anrufe, um zu fragen, wo genau ich denn hinkommen soll, höre ich. „Wir sind schon am Start und in zwei Minuten weg.“
Meine Gedanken: „Oh nein, jetzt habe ich ihn im Stich gelassen. Ich bin unzuverlässig. Ich hätte gleich morgens da sein sollen, um es nicht zu verpassen. Jetzt denkt er, er wäre mir nicht wichtig …“

Die Workshopteilnehmerin, die meine E-Mail mit den näheren Informationen nicht bekommen hat.
Meine Gedanken: „Oh Gott, hab ich vergessen, sie in den Verteiler aufzunehmen? Nein, da ist sie ja. Wieso hat sie die Mail nicht erhalten? Was hab ich falsch gemacht. Und ist das vielleicht allen so gegangen? Schnell noch mal eine E-Mail hinterherschicken, mich entschuldigen … Mein Gott, das wirkt ja total unprofessionell, jetzt will bestimmt keiner mehr kommen …“


So sehr ich dafür bin, die Verantwortung für das eigene Verhalten und Leben zu übernehmen – man kann es auch übertreiben (also ich zumindest.) Nachdem ich mir heute diese drei Vorfälle aus den letzten zwei Tagen mal in Ruhe angeschaut habe, stellte ich fest: Man muss die Schuld auch mal bei anderen suchen. Oder, wie Byron Katie es ausdrückt: "Finde einen Gedanken, der genauso wahr oder wahrer ist als der, den du hast."

Der DHL-Bote war tatsächlich nicht hier. Ich hatte keinen Zettel im Briefkasten. Und „Die Sendung konnte heute nicht zugestellt werden“ heißt nicht, dass es an mir lag. Vermutlich hat einfach jemand das Paket nicht in den Wagen gepackt. Oder der Fahrer war krank und die Tour ist ausgefallen. Oder er hat vergessen, dass er was für unsere Straße dabei hatte. Oder irgendetwas anderes, das nichts mit mir zu tun hat.

Mein Freund war der Meinung, er würde gegen 13.30 Uhr starten. Und nach meinen Erfahrungen mit Rallyes ist es eher so, dass sich die Startzeiten im Laufe des Tages nach hinten verschieben, aber nicht nach vorne. Und schon gar nicht um über eine halbe Stunde. Ich wäre rechtzeitig zu dem angegebenen Zeitpunkt da gewesen. Was auch immer zu der Veränderung im zeitlichen Ablauf geführt hatte, ich konnte nichts dafür.

Und E-Mails gehen mal verloren. Vielleicht landen sie im Spam-Ordner. Vielleicht hatte mein Provider ein Problem. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Die Teilnehmerin hat zum Glück nachgefragt, die Welt ist nicht untergegangen, und ich muss nicht mich teerend und federnd über die Straße laufen.

Manchmal muss man die Schuld auch mal bei anderen suchen, anstatt sie immer nur bei sich zu finden.